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Montag, 13. Januar 2014

Masuren – Reiseeindrücke



1. Aller Anfang in/ist Olsztyn/Allenstein

Der Ausgangspunkt vieler Reisen durch Masuren ist Olsztyn. Auch ich habe dort kurz Halt gemacht, um dann von Sorkwity aus einen kleinen Teil von Masuren mit dem Fahrrad zu erkunden.
Olsztyn mit rund 175.000 ist die Hauptstadt des Regierungsbezirks Ermland-Masuren und zieht mit seiner Uni auch junge Leute aus der Umgebung an. Ich habe die Stadt mit ihrem hübschen und weitestgehend historisierend rekonstruierten Altstadtkern und Schloss als sehr sympathisch empfunden und einen schönen Nachmittag mit Bummeln und Schauen verbracht.

Altstadtkern von Olsztyn

Olsztyn Zamek
Rathaus von Olsztyn


Nach einer Übernachtung im Hotel Gromada, direkt am Busbahnhof Olsztyns gelegen, ging es am nächsten Tag aufs Land. Zbigniew vom Masurenteam, das mir Unterkunft, Fahrrad und Kartenmaterial arrangierte, kutschierte mich höchstpersönlich auf einer sehr unterhaltsamen Fahrt ins Hotel im Park in Jedrychowo/Sorkwity, sorgte dafür, dass ich mein Domizil wohlbehalten erreichte und in der Theorie wusste, wo’s die kommenden Tage langgehen würde.






2. „Stützpunkt“: Sorkwity/Sorkwitten, Hotel im Park

Das Hotel im Park ist herrlich gelegen, abseits des kleinen Örtchens Sorkwity, der nächste See befindet sich direkt auf dem Grundstück, Heuschober und Scheunengebäude sind heute zu Aufenthaltsräumen, Verwaltungsgebäuden oder auch einem Restaurant umfunktioniert worden und die kleineren Gebäude auf dem Gut sind aufgeteilt in mehrere Apartmentkomplexe und Ferienwohnungen. Toll!







Das Hotel wird von einem Deutschen geführt und mehrere Mitarbeiter sind des Deutschen durchaus mächtig, Verständnisschwierigkeiten können also mit einer Portion Langmut sehr gut vermieden werden. :-) Mein ganz persönlicher Flitterwochenort!




 


3. Masurentouren mit dem Rad

a) Die Gegend um Sorkwity

Noch am Ankunftstag schwang ich mich aufs Leihrad, um die nähere Umgebung zu erkunden. Masuren ähnelt stark meiner Vorstellung des Auenlands. Wald, grüne Hügel, Seen und Kuhweiden fügen sich harmonisch zu einem höchst idyllischen Bild. Dazu passen dann auch die schnatternden Gänse, verträumte Bauernhöfe, freistehende Häuschen und vereinzelt die kleinen Dörfer zwischen zwei Hügeln mit den typischen Tante Emma-Läden. So muss es „damals bei uns“ auch mal gewesen sein.


b) Sorkwity à Reszel/Rössel à Swieta Lipka/Heiligelinde à Sorkwity

Nach einem herrlich Abend am See und der Überraschung deutschen Rundfunks im Zimmer ging es am nächsten Morgen „mittelfrüh“ aus den Federn, um die insgesamt 60 Kilometer nach Reszel und Swieta Lipka und zurück zu bezwingen. Beide Orte liegen nördlich von Sorkwity, die Umgebung ist jedoch gleichbleibend hügelig, mit mehr oder weniger Wald und Seen zu beiden Seiten der Landstraße gen Reszel.

Reszel hat sich seinen mittelalterlichen Stadtkern erhalten, die Sehenswürdigkeit schlechthin ist eine eindrucksvolle Deutschordensburg. Diese wurde wie die Marienburg auch aus Backsteinen erbaut und kann auf eigene Faust erkundet werden. Mein Tipp: aus dem Wehrgang hat man einen tollen Blick in den Innenhof der Burg und vom Turm aus erblickt der Besucher den hübschen Altstadtkern. Der Eintritt zur Burg ist mit 3 Zloty fast umsonst und zum Mittagsessen lädt die Burgschenke ein.

Blick auf Reszel und Umgebung aus der Backsteinburg (Zamek)
In „Kirschkernspuckweite“ von Reszel findet sich auch die Jesuitenkirche Swieta Lipka. Der Name bedeutet nichts anderes als Heilige Linde und verweist auf einen solch legendären Baum, an dessen Stelle die Kirche errichtet wurde. Das prächtige orange-/rosafarbene Kloster hat trotz aller Besucherströme eine ganz eigene Wirkung. Ich musste mich zunächst allerdings erst einmal versichern, dass ich mich am richtigen Ort befand. Ich bin ja hinlänglich bekannt für meinen fehlenden Orientierungssinn, die Sache stellte sich hier aber etwas anders dar. Mein Weggefährte, das Masuren-Reise-Taschenbuch von Dumont nämlich, besagte, die Kirche sei im mediterranen Gelbton gehalten und hielt sogar ein Foto parat. Tatsächlich entspricht Orange oder Terrakotta schon eher dem, was der Besucher vorfindet. :-)

 
 

Kleiner Tipp für Swieta Lipka: Man informiere sich vorher, wann Orgelkonzerte in der Kirche stattfinden, denn dieses Instrument ist ein Meisterwerk. Alle Pfeifen sind mit Figuren bestückt, die auf Tastendruck in Bewegung geraten – es gibt sich drehende Sonnen, Posaune spielende Engel, Tiere und vieles mehr. Ein Fest für die Augen von großen und kleinen Besuchern!

Nach der Entdeckungstour gönnte ich mir noch ein Eis im Örtchen und schwang mich dann wieder auf den Sattel, um pünktlich zum Abendessen zurück im Hotel zu sein. Unglücklicherweise mangelt es an diversen Stellen an Beschilderung, sodass ich zu den 60 Kilometern noch gut 10 hinzuzählen muss, die mich erst in ein Sumpfgebiet – auf Froschrouten und durch Mückenschwärme – und dann über eine zwei Kilometer lange abschüssige Kopfsteinpflasterstraße führten. -- Ich liebe Halbpension, habe ich das schon erwähnt?

c) Sorkwity à Mikolajki/Nikolaiken à Sorkwity

Die nächste Tour führte mich auf rund 90 Kilometern ins östlich von Sorkwity gelegene Mikolajki. Auf dem Hinweg ging es dabei durch einen Teil des Masurischen Landschaftsparks mit wunderbar tannigen Abschnitten und entlang des Krutynia. Dieser Fluss ist allen Masurenfans und Wassersportfreunden ein Begriff, denn eine Fahrt auf der Krutynia gilt als DAS Naturerlebnis schlechthin. Nicht umsonst, nach allem, was meine Augen auf diesem Streckenabschnitt geboten bekamen. 

Mikolajki selbst liegt an direkt am Wasser und wird selbst Ende August noch von allerlei Urlaubern frequentiert. Es gibt die typischen Restaurants, Gofres (Waffeln) an der Uferpromenade, Sport- und Souvenirläden sowie die Möglichkeit, mit einem der vielen Boote eine kleine Segeltörn zu unternehmen und dabei den zahlreichen Schwänen, Enten und Reihern persönlich Hallo zu sagen.
Es existiert eine Busverbindung zwischen Sorkwity und Mikolajki, der Fahrradfahrer sollte sich allerdings vor der Tour genau erkundigen, ob die Busse groß genug sind, um ein oder mehrere Räder zu transportieren. Ich verließ mich blind auf die Masurenteam-Ansage und hatte bedauerlicherweise das Vergnügen, auch den Rückweg zu radeln. Die Rettung war eine Alternativroute, statt wiederum auf Schotter und Sand durch den Landschaftspark zu fahren, nahm ich die weitestgehend abschüssige Landstraße. So konnte ich einiges an Zeit und Kraft einsparen UND hatte die Gelegenheit, diese wunderbare Szenerie einzufangen:
Gänsealarm!
d) Sorkwity à Mragowo/Sensburg à Sorkwity

Last but not least stand für den letzten vollen Tag in Masuren noch ein Besuch in Mragowo, der Partnerstadt Grünbergs, nordöstlich von Sorkwity an. Die Strecke ist hin und zurück in 40 Kilometern Landstraße entlang kleiner Orte und den bereits bekannten Hügeln sowie jeder Menge Fell- und Federvieh zu bewältigen und stellt keinen Radfahrer vor riesige Herausforderungen. Die Gründung von Mragowo geht wieder einmal auf den Deutschen Orden zurück, auch wenn nie eine Burg errichtet wurde. Der Charme des Ortes liegt für mich in den Bürgerhäuser aus dem 20. Jahrhundert, die einen direkt zum Papst Johannes Paul II-Denkmal im Ortskern führen.

Endgültig überzeugt hat mich jedoch der lange, lange Steg des Jezioro Czos-Sees am östlichen Rand des Stadtkerns. Dort hieß es Fahrrad abstellen, Jacke und Schuhe ausziehen, Beine ins Wasser hängen und das Ferienbuch auslesen. Ach wie toll ist doch Masuren!


Abreise: Sorkwity -> Warschau -> Berlin -> Gießen

Nach dem faulen Tag an Mragowos See folgte eine Packaktion, die letzte Nacht im himmlischen Hotel im Park, eine sechsstündige Bus- und Zugreise über Olsztyn nach Warschau und die Großstadterkundung. Warschau nach dem idyllischen Masurenaufenthalt empfand ich als völlige Überforderung. Die Skyline der Hauptstadt ist allerdings tatsächlich beachtlich. Es folgt ein Fotosammelsurium von Warschau im Tagesverlauf.

 

Warschaus Skyline. Nicht zu verachten, oder?


pricewaterhousecoopers lässt grüßen!

Tja und das waren sie auch schon, meine 10 Tage Polen. Wer sich wundert, warum ich so wenig über die polnische Bevölkerung schreibe, dem sei gesagt, dass die Kommunikation sich außerhalb der großen Städte einigermaßen abenteuerlich gestaltete. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen war aber überwältigend. Egal wem ich unterwegs meine Karte vor die Nase hielt, er/sie tat sein/ihr Bestes, um mich wieder auf den rechten Weg zu bringen. Was dann und wann gar nicht so einfach war. (Wie auch, wenn frau die Vokabeln für rechts und links trotz Eselsbrücke verwechselte?)

Ob es 2014 wohl endlich nach Istanbul geht? Sicher ist, dass dies lediglich die erste Etappe auf der Reise durch den Osten Europas war. Und was für eine!

Sonntag, 5. Januar 2014

Danzig/Gdansk


Danzig, die alte Hansestadt im Norden Polens, direkt an der Ostsee gelegen. Das „neue Prag“ im Osten Europas. Ursprünglich wollte ich das Juwel bereits 2012 bereisen und war so doppelt gespannt auf meine Eindrücke. Die waren wie so oft gemischt. Der Charme der Altstadt und die Pracht der Rechtstadt haben mich direkt gefesselt, die Außenbezirke Danzigs hingegen waren ein Vorgeschmack auf meine Masurenreise.
Hier erst einmal der pittoreske Blick auf den alten Hafen Danzigs:

Mottlaukai mit Krantor und grünem Tor, auch abends wunderschön!

Meine Unterkunft befindet sich übrigens kurz hinter der Rechtsschleife der Mottlau (am Ende des Kais, den man auf dem obigen Bild sieht) und ist durchaus erwähnenswert. Ich hatte mir das La Guitarra ausgeguckt. Eine „Rock-Herberge“ mit besonderem Flair. Die Ausstattung umfasst ausschließlich aus Ikea-Möbeln, im Keller = Speise-/Aufenthaltsraum sind Gitarren an den Wänden befestigt und Porträts berühmter Rockmusiker finden sich per Fotofolie auf alle Türen und Schränken. Ich habe mich gleich wohlgefühlt. Auch wenn auf getrennte Jungen- und Mädchenschlafsäle verzichtet wird. ;-) Die sanitären Anlagen übrigens sahen aus, als hätte tatsächlich nicht nur eine Band in ihnen gewütet, doch das ist eine andere Geschichte und hoffentlich eine vorübergehende Erscheinung. Die Rezeptionist(inn)en waren jedenfalls alle sehr bemüht und gut gelaunt, das hat mich entschädigt. Hier der Link zum „Steinpalast“: http://www.hihostels.com/dba/hostels-Jugendherbergen-Gda%C5%84sk---La-Guitarra-Hostel-Gda%C5%84sk-046184.de.htm

Danzig ist tatsächlich ein Juwel der Ostseeküste und das ist vor allem den Rekonstrukteuren nach 1945 zu verdanken. Vieles lag in nach dem zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche, doch wurde in den Wiederaufbau nicht nur körperliche Kraft, sondern vor allem auch Kreativität investiert. Dort, wo Aufzeichnungen Rückschlüsse auf die Fassaden zerstörter Häuser zuließen, wurde der Wiederaufbau detailgetreu ausgeführt. Gab es keine Aufzeichnungen, so wurde der entsprechende Teil der Innenstadt historisierend rekonstruiert, also basierend auf zeitgenössischen Fassadenmotiven aus der entsprechenden Bauzeit der zerstörten Objekte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wie die folgenden Aufnahmen der Altstadt Danzigs nur annähernd zu zeigen vermögen:

















Nicht nur repräsentative Gilde- und Bürgerhäuser, sondern auch Kirchen hieß es wiederaufzubauen und dabei ist den Bauherren auch schon einmal das ein oder andere Missgeschick passiert, wie die schiefen Säulen der Johanneskirche eindrucksvoll beweisen:


Für Kurzbesuche und Eilige gibt es in Danzig neben offiziellen Stadtführungen vielfältige Möglichkeiten die Stadt auf anderen Wegen zu erkunden: Unentwegt fahren Caddies mit zumeist jungen Polen durch die Straßen und Gassen der Altstadt, die auf Polnisch, Englisch, gelegentlich auch Deutsch oder Französisch ein individuelles Erlebnis mit privatem Führer und hoher Bequemlichkeit versprechen. Ich hatte mir jedoch einmal mehr eine „Free Walking Tour“ ausgesucht. Eine Stadtführung also, die von (Wahl-)Danzigern übernommen wird, die einem dann ihren Wohnort näher bringen und denen man anschließend einen angemessenen Betrag für die Führung in die Hand drückt. Ein schönes Konzept, bei dem man viel zu sehen bekommt, möglicherweise Begleiter für ein Bierchen nach dem Stadtrundgang findet und ganz sicher kurzweilige Stunden verlebt. Mein Tipp: Alternative Gdansk, die Tour startet stets vor der Marienkirche in der Rechtstadt (Glowne Miasto) und führt einmal quer durch diese hindurch, bevor es anschließend in die Altstadt (Stare Miasto) und dann Richtung Solidarnosc-Ausstellung („Wege zur Freiheit“) und -Denkmal geht, wobei die Route je nach Führer wohl variiert. „Wege zur Freiheit“ lege ich übrigens jedem Danzigbesucher ans Herz, dort hat man sich sehr viel Mühe gegeben, die Lebensumstände im damals kommunistischen Polen durch Fotos, Videoaufnahmen und Alltagsgegenstände für Jung und Alt verständlich darzustellen. Eine Führung durch das Museum ist sicher lohnenswert, da manche Zeugnisse und sicherlich auch Namen sowie die geschichtlichen Zusammenhänge nicht jedem geläufig sein werden. Lebensmittelknappheit, eine repressive Staatspolitik und das Ringen um die persönliche Freiheit sind Themen, die ich aus dem Geschichtsunterricht kenne, in dieser Ausstellung jedoch zum ersten Mal greifbar präsentiert bekam.

Danzigs idyllischstes Fleckchen Altsadt: die Große Mühle im Vordergrund, dahinter die Brigittenkirche.


Solidarnosc-Denkmal vor der Danziger Werft.


Zum Abschluss noch ein Tipp für die Meeraffinen unter uns: Die Ostsee ist von Danzig aus jederzeit bequem und innerhalb von 25 Minuten mit der Tram erreichbar. Ein solcher Ausflug lohnt sich auch definitiv aus zweierlei Gründen. Einmal gibt es einen wirklich tollen Strand zu sehen, der sich für einen Familientag am Meer außerordentlich gut eignet und über einen Rettungsschwimmservice, Duschen, WCs und Eisstände verfügt. Von der Haltestelle bis zum Strand sind es ein paar Hundert Meter, die über einen kleinen Rummel mit Karussel für die Kleinen, Ponyreiten für die Größeren und einen Stand mit (alkoholischen) Erfrischungen für die ganz Großen führt. Zum Zweiten ist dieser Ausflug lohnenswert, weil er dem erstaunten Danzig-Besucher ein etwas realistischeres Bild der heutigen Stadt zeichnet. Es geht heraus aus dem aufgehübschten Zentrum, durch die Vorstadt, am Hafen mit Umschlagplatz vorbei bis in die Vororte. Und plötzlich ist man von der romantischen Mittelaltervorstellung hinein ins „echte“ Leben der Danziger gelangt. Der Kontrast könnte nicht größer sein und der Rummel am Strand setzt dem Ganzen die Krone auf. Für mich war das ein guter Vorgeschmack auf das, was ich später noch zu sehen bekommen sollte. 



Danzig hat also zwei Seiten: die herausgeputzte Vorzeigestadt und die Bungalowbezirke, zu denen auch das Universitätsviertel zählt. Eine Reise, für die man entspannte drei Tage einplanen sollte, ist Danzig allemal wert!

Mir standen zwei Tage zur Verfügung und ich habe definitiv noch einige schwarze Löcher zu füllen.

Montag, 30. Dezember 2013

Polen 2013 – Malbork, Danzig, Olsztyn, Masuren, Warschau


2013 – mein Osteuropajahr. Bereits zu Beginn des Jahres stand für mich fest, dass mich mein Weg gen Osten führen würde. Hatte ich in der Studienzeit einen ambitionierten Roadtrip von Polen über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien bis in die Türkei – genauer gesagt bis zum altehrwürdigen Byzanz/Konstantinopel/Istanbul im Auge, so stellte sich nun die Realität ein. Mein heiß geliebter blau-lila Polo ist nicht mehr der Jüngste und würde eine solche Reise vermutlich nicht ohne Herz-/Motorschaden überstehen und weder das Zeitfenster noch mein Gewissen erlauben himmelweite Sprünge. Die Moral von der Geschicht’: Ja, ich werde eines Tages in Istanbul ankommen, aber die Strecke wird aufgedröselt.

In diesem Jahr zog es mich also erst einmal ins Nachbarland Polen – via Berlin und Potsdam. Zunächst galt, die mittelalterliche Hansestadt Danzig an der Nordsee zu erkunden und mein Bedürfnis nach Meer zu stillen. Zwar hat die Ostsee weniger Wellen als der Ozean meiner Jugend westlich von ihr, aber schön ist sie allemal. Ebenfalls auf meinem Plan standen die Marienburg in Malbork, Olsztyn und eine Fahrradtour in Masuren, bevor es über Warschau zurück nach Deutschland ging.

Danzig selbst ist ein Sammelbecken für allerlei Touristen, man hört neben Polnisch, Russisch, Englisch, Deutsch und auch Französisch an jeder Straßenecke. Das Alter der Polenreisenden dürfte irgendwo zwischen 16 und 65 liegen. Es sind wirklich Heerscharen von Menschen unterwegs, um das Zentrum Danzigs zu bestaunen und zu erkunden. Dazu jedoch mehr im nächsten Beitrag.

Anreise: Berlin à Gdansk/Danzig

Meine Anreise erfolgte per Eurocity in einem Sechserabteil von Berlin über Poznan/Posen (hier musste ich direkt an meine beiden Posener Kommilitoninnen Paulina und Edith denken, die mit mir ein halbes Jahr in Spanien verbrachten) nach Danzig.

Vielen Dank an Google Maps!

Die Polen lieben Abteile und vor allem Reservierungen wie ich später lernen sollte. Meine Reisegesellschaft: eine deutsche Mutter Alter 60+ und ihre vielleicht 20-jährige Tochter, ein polnisches Ehepaar um die 50 und ein Russe. Die beiden Deutschen sorgten dabei für ausreichend Unterhaltung auf dem Weg nach Danzig. So erfuhr man/frau, dass sie noch keine Jugendherbergsbetten hatten, sich aber keine allzu großen Sorgen machten, immerhin gebe es ja gleich drei Jugendherbergen in Danzig. Und das sind nur die Offiziellen! Glücklicherweise schien unsere gemeinsame Reise am Hauptbahnhof von Danzig ihr Ende zu finden, die beiden bevorzugten eine weniger zentrale Jugendherberge als ich. Das polnische Ehepaar wollte Verwandte kurz vor Danzig besuchen und die erstaunte Deutsche war einigermaßen amüsiert ob des unendlichen Apfelvorrats, den die beiden in ihren zwei Biedronka-Tüten versteckt hatten. [Kleiner Kommentar am Rande: Biedronka ist eine polnische Supermarktkette, die man auch in den kleineren Städtchen findet.] Beeindruckt hat mich besonders die Tatsache, dass sie den Inhalt der Tüten innerhalb der vier Stunden, die wir miteinander verbrachten, auch weitestgehend dezimiert hatten und keinerlei Anzeichen von übersäuerten Mägen zeigten. Alles in allem war die Fahrt sehr angenehm, es ging an Frankfurt (Oder) („Hier ist doch nichts los, oder?“, „Doch, das ist ein krimineller Umschlagplatz für allerlei Sachen, Kind.“) vorbei durch Felder, Wiesen, Wald, Hügel und Kleinstädte. Westpolen macht einen sehr ländlichen Eindruck auf mich, beschaulich aber einigermaßen einsam. Und nach sechs Stunden im Zug fuhren wir um kurz vor 22 Uhr im Danziger Hauptbahnhof ein. Geschafft! Jetzt noch die Jugendherberge finden, mein Abendessen vertilgen und dann den Kopf zur Ruhe betten. Gut, dass die Danziger Innenstadt weder allzu verwirrend noch sonderlich riesig ist. Die gebuchte Jugendherberge lag direkt am alten Hafen von Danzig, sodass ich das Vergnügen hatte, auf der Kaimauer zu Abend zu essen.
Station 1: Malbork/Marienburg

Nach einer durchaus erholsamen Nacht in einem nur halb belegten Schlafsaal ging es tags drauf nach Malbork, um dort die Marienburg und mehr als nur ein Kapitel polnischer Geschichte zu erkunden. Vom Danziger Bahnhof bis zum Örtchen Malbork sind es etwa 60 Minuten Zugfahrt. Selbstverständlich wird auch hier wieder eine Reservierung mitbezahlt und es mag vorkommen, dass die Rückfahrt günstiger als die Hinfahrt ist. Die Marienburg sieht man bereits aus dem Zugfenster und bekommt einen Eindruck von dem mächtigen Backsteinbau der Deutschordensritter, die die Wirren der Geschichte – neben der Vertreibung der Ritter auch die Weltkriege und die Flucht der Ostpreußen, die teilweise über Malbork stattfand – auf den ersten Blick fast unbeschadet überstanden hat.

Marienburg von Malbork aus gesehen, man kann Mittel- und Hauptburg sehr gut erkennen.

Die Marienburg war von 1309 bis 1457 die Machtzentrale des Deutschen Ordens, der auf Englisch übrigens Teutonic Order heißt und mir einiges an Kopfzerbrechen bereitet hat, und Sitz dessen Hochmeisters. Mitte des 15. Jahrhunderts musste der Orden die Burg zunächst an Söldner verpfänden, die auf Seiten des Ordens in die Schlacht von Tannenberg gezogen waren. Diese wiederum verkauften die Burg dann an Polen, den Widersacher des Deutschen Ordens. Die Irren und Wirren der Geschichte. 


 

 Dies und viele weitere Fakten bekam der durchaus ansehnliche Trupp deutscher Touristen in einer 150-minütigen Führung präsentiert. Und nach weiteren zwei Stunden kann ich guten Gewissens behaupten, nahezu alle Räume der Burg betreten und das Motiv meiner zukünftigen Tätowierung gefunden zu haben. Die Burgführerin war eine gut 65-jährige Polin, die uns sehr rüstig von der Vorburg in die Mittel- und Hauptburg begleitete und schließlich erklärte, dass sie ihr ganzes Arbeitsleben auf der Burg verbracht hat. Als Führerin polnischer und deutscher Reisegruppen. Wahnsinn! 40 Jahre als Touri-Führerin an einem Ort. Nach der Führung war dann freies Verteilen über das Burggelände angesagt und so verbrachte ich einen sonnigen Nachmittag in der Marienburg und umrundete sie anschließend, bevor ich auf der Nogat-Brücke dieses tolle Foto schießen konnte:

Marienburg aus der Nogat-Ansicht
Zum Sonnenuntergang ging es dann mit dem Zug und um einige Postkarten und Briefmarken reicher zurück nach Danzig in die Jugendherberge. Dort traf ich auf eine meiner Schlafsaalgenossinnen, die eine Alternative zur ganztägigen Marienburg-Reise in petto hatte. Besagte Amerikanerin traf ich bereits morgens am Malborker Bahnhof und hatte das Vergnügen, mich bei der Bewältigung des Kilometers zwischen Malbork-Stadt und Marienburg über einige Details ihres Polenaufenthalts aufklären zu lassen. Ihre Einschätzung zu Malbork und der Tagesplan: Einen ganzen Tag in Malbork zu verbringen, lohne sich nicht, immerhin gäbe es Hunderte solcher Bauwerke. Eine Führung sei außerdem überteuert (da hat sie sicherlich nicht ganz unrecht, die Kosten waren definitiv der größte Posten meiner Tagesausgaben). Fazit: Stürmung der Burg ohne Führung, nach einer guten Stunde das Bollwerk hinter sich lassen, in einen Außenbezirk von Danzig fahren und dort eine Kirche besichtigen, die die älteste Orgel Polens beherbergt. Dann zurück in die Innenstadt, um das Solidarnosc-Denkmal anzusehen. C’est ca. Und abends völlig ausgelaugt in der Jugendherberge hocken.
Wie dem auch sei, für mich hat sich die Führung durch die Marienburg schon allein wegen der Atmosphäre, den Infos und der Möglichkeit, eine langjährige Burgführerin kennenzulernen, gelohnt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich viele renovierte Details alleine nicht einmal registriert hätte und mir der Aufwand des Burgerhalts völlig entgangen wäre.

Arbeiten vor der Burg, wo sich das ursprüngliche Örtchen Malbork befand, in dem Handwerker und Burglieferanten wohnten.


Im nächsten Beitrag gibt es Fotos von und Eindrücke aus Danzig. Das Städtchen ist wunderschön und hat im Hinterland noch so eingies in petto.