Zunächst einmal eine Anmerkung zum
schottischen Wetter, über das ich eigentlich nichts schreiben wollte, aber bei diesem Ausmaß meteorologischer Wechselhaftigkeit bleibt mir nichts anderes übrig. Wie mir mitgeteilt wurde, war der amerikanische Wirbelsturm "Earl" in Wales ein gern gesehener Gast, da dort die Wellen "surfbar" sind und dank des Winds höllisch was los war auf dem Wasser. Hier oben auf Iona herrschte dank der Überreste des Sturms ebenfalls so einige Unruhe und beinahe wäre mein caravan abgehoben... Zwei Tage lang war hier feinstes Herbstwetter mit Sturmböen, mangelhaften Sicht, peitschendem Regen und wilden "dreckigen" Wellen (dreckig, da unsurfbar (gute Wellen sind im Surferslang "sauber" (clean)), die unvorsichtigen Strandbesuchern zu unerwarteten Bädern verhalfen. Jämmerlich anzusehen!! Vorgestern hatte ich innerhalb von zehn Strandminuten alles, was das Wetter zu bieten hat: Sonne+Wind, klare Sicht, Wolken+Nebel, Regenschauer, Sonne, einen Regenbogen, Wind. Nun kehrt langsam wieder etwas Ruhe ein und der Himmel lässt etwas blau erahnen. Ein Glück.
Meine Tage in Tobermory, 9. und 10. September, waren wettermäßig eher durchwachsen. Am Anreisetag, Donnerstag, war es sonnig, trocken und fast windstill, während der Freitag komplett verregnet war. Doch das machte nichts, immerhin wollte ich aufs Mòd (Gälischwettbewerb).
Tobermory ist die größte Siedlung auf Mull, Ionas Nachbarinsel, und lebt unter anderem vom Tourismus und der Fischerei. Entstanden ist die Stadt erst sehr spät, es bedurfte adliger Unterstützung und einiger Jahrhunderte, um ein lebenswertes Umfeld zu schaffen, heute gibt es sogar ein Kunstzentrum in der Stadt, das visuelle Kunst fördert und die gälische Szene unterstützt.
Um nach Tobermory zu kommen, bedurfte es einer Fähre und zweier Busse, insgesamt war ich also gute drei Stunden unterwegs, doch da die Reise Idylle vom Feinsten bereithielt und ich bis Craignure mit Iona und Sebastian, zwei deutschen Hostelgästen auf dem Heimweg, unterwegs war, verging die Zeit wie im Flug. Ankunft in Tobermory um halb 12, vom Busbahnhof ging's entlang der Küstenpromenade zum Fremdenverkehrsbüro, wo ich von der netten Dame am Schalter alle nötigen Infos und Stadtpläne bekam.
Iona und Sebastian hatten mir eine Wanderung zu Wasserfällen auf der anderen Seite der Bucht Tobermorys ans Herz gelegt und da das Wetter genial war, machte ich mich auf den Weg zum
Aros Park, dem Grundstück der Allen-Familie, die sehr kirchlich angehaut war, aber im späten 19. Jahrhundert auch eine Menge für die gerade erst erblühende Stadt getan hat. Das Haus der Familie blieb leider nicht erhalten, der Park, den man über einen wunderschönen Küstenpfad erreichen kann, jedoch schon. Auf der Wanderung am Rand der Bucht entlang, einem Weg, den früher viele Fischer aus Tobermory täglich genommen haben, der streckenweise auch durch hübsche Waldstücke führt, kam ich mir fast wie Alice im Wunderland vor und beschloss, sämtliche Seitenwege zu nehmen, die ich finden konnte. Definitiv nachahmenswert!
Nach dem durchaus anstrengenden Nachmittagsspaziergang - natürlich mit sämtlichem Gepäck auf dem Rücken, da die Herberge in Tobermory erst um 17 Uhr öffnete - stand dann ein Rundgang durch die Geschäfte der Uferpromenade auf dem Tagesplan. Es gibt hübsche Sachen wie handgemachte (größtenteils "organische" (= Bio-)) Seife, eine Töpferei, Schmuck, eine unglaublich tolle Bäckerei mit Delikatessenabteilung und einen SCHOKOLADENLADEN sowie einen richtigen, großen Supermarkt. Top! Ein Besuch im Tobermory Art Centre, Kurz AnTobar genannt, durfte natürlich nicht fehlen, auch wenn es bis dorthin eine ganz schöne Kletterei war, da das Zentrum in der Wohngegend der Einheimischen fernab der Uferpromenade liegt. Dort konnte man aber bei einer genialen Aussicht eine leckere heiße Schokolade genießen. Nach dem Abstieg erkundete ich dann noch das in liebevoller Handarbeit zusammengestellte Heimatmuseum und zum Abschluss gab es Fish 'n' Chips vom gleichnamigen Van, die angeblich die besten der Welt sein sollten - wobei ich schon besseres gegessen habe - dann war Hostelzeit und Ausruhen angesagt. Freie Tage sollen schließlich der Erholung dienen.
Tag zwei begann mit einem frühen Frühstück in der Hostelküche, umringt von weiteren Deutschen. Um halb zehn war es dann soweit: Das Mull Provincial Mòd begann. Einmal im Jahr findet während eines Wochenendes in Mull ein großes Zusammentreffen von gälischen Künstlern statt, die ihr Können im Wettstreit miteinander messen. Alle Gesangswettbewerbe (Solos und Chor) sowie Geschichtenerzählen und das Rezitieren alter Geschichten findet in gälischer Sprache statt. Darüber hinaus gibt es noch die Kategorien Akkordeon, Geige und Dudelsack, wobei die noch einmal aufgeschlüsselt sind in Airs (melancholische Lieder), Reels (Tanzmusik) und Märsche. Und nicht fehlen dürfen auch die freien gälischen Darbietungen in einer Gruppe oder alleine präsentiert. Ich konnte aufgrund meiner freien Tage nur die Kinderwettbewerbe, welche traditionell am ersten Mòd-Tag stattfinden, mitverfolgen, hatte jedoch meinen Spaß. Gälisch kann ich nun zwar noch immer nicht, aber man bekommt doch schon einen besseren Eindruck von der Sprache und Kultur, vor allem da so ein breites Spektrum mit den Darbietungen abgedeckt war. Alles in allem haben mich ein paar Dinge jedoch überrascht: Es gibt offensichtlich Schulen (vom Eindruck her ähnlich wie unsere Musikschulen organisiert), die Kinder ganz konkret auf solche Wettbewerbe vorbereiten, sodass bei mehreren Wettbewerben in derselben Altersklasse oft die gleichen Kinder teilnehmen und gegeneinander antreten. In einigen Fällen schien die Teilnahme an den Wettbewerben auch nicht unbedingt selbstbestimmt zu sein, sondern vielmehr von dem Willen der Eltern abzuhängen. Manche Eltern waren ganz schön ehrgeizig. Auf der anderen Seite war da die Vielfalt der Teilnehmer, viele kamen von Mull - oft sogar aus Tobermory - doch auch eine Menge Teilnehmer der Nachbarinseln (z.B. Barra, Tiree) und vom Festland waren vor Ort. Die weiteste Anreise hatten definitiv die Westwells von den Orkney-Inseln, welche dafür ganz schön abgeräumt haben. Preise gab es übrigens keine, stattdessen durften die Gewinner der Wettbewerbe abends beim Kinder-Ceilidh auftreten und vor allen Anwesenden zeigen, was sie auf dem Kasten hatten. Das Highlight waren für mich die Chor-Darbietungen am Nachmittag, bei denen mehrere Schulen gegeneinander antraten mit jeweils einem traditionellen melancholischen Lied, einem Reel und einem rhythmischen Marsch. Die Kleidung der Teilnehmer bestand übrigens - unabhängig ob Männlein oder Weiblein - aus Kilt und Bluse. Sehr süß anzusehen!
Ganz nebenbei: Der zweite Mòd-Tag wurde live von BBC übertragen, der Wettstreit erregt also durchaus mediales Aufsehen und ist sicherlich auch eine gute Einnahmequelle für Tobermory, denn bereits Wochen im Voraus war jegliche Unterkunft für Freitagnacht ausgebucht. Ich hatte Glück, für Donnerstag noch ein Bett in der Jugendherberge zu ergattern...
Nachmittags wurde es dann Zeit, den Rückweg nach Iona anzutreten, da die letzte Fähre Fionnphort um sechs verlässt und ich tags drauf für die Reinigung der Ferienwohnung zuständig war, folglich vor Ort sein musste. Alles in allem waren es zwei schöne und ereignisreiche Tage im größten Ort in Reichweite, aber ganz ehrlich: Zwei Tage reichen auch ;).
Hier ein paar Bilder für alle Interessierten und diejenigen, die eh lieber Bilder schauen als lesen.
Küstenpromenade mit Anlegeplätzen für die Boote, das zweite rosa Haus ist die Jugendherberge, in der ich nächtigte.
Wasserfall im Aros Park, Atmosphäre pur, auch wenn das Bild dies nicht unbedingt hergibt.
Was man alles findet in Schottland. Gute, angefressene Fliegenpilze.
Was ist die Verniedlichungsform von "Loch"? Lochan! Man lernt nie aus :). Dies hier befindet sich mitten im Aros Park.
Tobermory bei Nacht.
Aros Hall, das Kulturzentrum, in dem das Mòd stattfand. Andere Veranstaltungen dort reichen von Tai Chi und Judo bis hin zu Livebands.