Montag, 13. Januar 2014

Masuren – Reiseeindrücke



1. Aller Anfang in/ist Olsztyn/Allenstein

Der Ausgangspunkt vieler Reisen durch Masuren ist Olsztyn. Auch ich habe dort kurz Halt gemacht, um dann von Sorkwity aus einen kleinen Teil von Masuren mit dem Fahrrad zu erkunden.
Olsztyn mit rund 175.000 ist die Hauptstadt des Regierungsbezirks Ermland-Masuren und zieht mit seiner Uni auch junge Leute aus der Umgebung an. Ich habe die Stadt mit ihrem hübschen und weitestgehend historisierend rekonstruierten Altstadtkern und Schloss als sehr sympathisch empfunden und einen schönen Nachmittag mit Bummeln und Schauen verbracht.

Altstadtkern von Olsztyn

Olsztyn Zamek
Rathaus von Olsztyn


Nach einer Übernachtung im Hotel Gromada, direkt am Busbahnhof Olsztyns gelegen, ging es am nächsten Tag aufs Land. Zbigniew vom Masurenteam, das mir Unterkunft, Fahrrad und Kartenmaterial arrangierte, kutschierte mich höchstpersönlich auf einer sehr unterhaltsamen Fahrt ins Hotel im Park in Jedrychowo/Sorkwity, sorgte dafür, dass ich mein Domizil wohlbehalten erreichte und in der Theorie wusste, wo’s die kommenden Tage langgehen würde.






2. „Stützpunkt“: Sorkwity/Sorkwitten, Hotel im Park

Das Hotel im Park ist herrlich gelegen, abseits des kleinen Örtchens Sorkwity, der nächste See befindet sich direkt auf dem Grundstück, Heuschober und Scheunengebäude sind heute zu Aufenthaltsräumen, Verwaltungsgebäuden oder auch einem Restaurant umfunktioniert worden und die kleineren Gebäude auf dem Gut sind aufgeteilt in mehrere Apartmentkomplexe und Ferienwohnungen. Toll!







Das Hotel wird von einem Deutschen geführt und mehrere Mitarbeiter sind des Deutschen durchaus mächtig, Verständnisschwierigkeiten können also mit einer Portion Langmut sehr gut vermieden werden. :-) Mein ganz persönlicher Flitterwochenort!




 


3. Masurentouren mit dem Rad

a) Die Gegend um Sorkwity

Noch am Ankunftstag schwang ich mich aufs Leihrad, um die nähere Umgebung zu erkunden. Masuren ähnelt stark meiner Vorstellung des Auenlands. Wald, grüne Hügel, Seen und Kuhweiden fügen sich harmonisch zu einem höchst idyllischen Bild. Dazu passen dann auch die schnatternden Gänse, verträumte Bauernhöfe, freistehende Häuschen und vereinzelt die kleinen Dörfer zwischen zwei Hügeln mit den typischen Tante Emma-Läden. So muss es „damals bei uns“ auch mal gewesen sein.


b) Sorkwity à Reszel/Rössel à Swieta Lipka/Heiligelinde à Sorkwity

Nach einem herrlich Abend am See und der Überraschung deutschen Rundfunks im Zimmer ging es am nächsten Morgen „mittelfrüh“ aus den Federn, um die insgesamt 60 Kilometer nach Reszel und Swieta Lipka und zurück zu bezwingen. Beide Orte liegen nördlich von Sorkwity, die Umgebung ist jedoch gleichbleibend hügelig, mit mehr oder weniger Wald und Seen zu beiden Seiten der Landstraße gen Reszel.

Reszel hat sich seinen mittelalterlichen Stadtkern erhalten, die Sehenswürdigkeit schlechthin ist eine eindrucksvolle Deutschordensburg. Diese wurde wie die Marienburg auch aus Backsteinen erbaut und kann auf eigene Faust erkundet werden. Mein Tipp: aus dem Wehrgang hat man einen tollen Blick in den Innenhof der Burg und vom Turm aus erblickt der Besucher den hübschen Altstadtkern. Der Eintritt zur Burg ist mit 3 Zloty fast umsonst und zum Mittagsessen lädt die Burgschenke ein.

Blick auf Reszel und Umgebung aus der Backsteinburg (Zamek)
In „Kirschkernspuckweite“ von Reszel findet sich auch die Jesuitenkirche Swieta Lipka. Der Name bedeutet nichts anderes als Heilige Linde und verweist auf einen solch legendären Baum, an dessen Stelle die Kirche errichtet wurde. Das prächtige orange-/rosafarbene Kloster hat trotz aller Besucherströme eine ganz eigene Wirkung. Ich musste mich zunächst allerdings erst einmal versichern, dass ich mich am richtigen Ort befand. Ich bin ja hinlänglich bekannt für meinen fehlenden Orientierungssinn, die Sache stellte sich hier aber etwas anders dar. Mein Weggefährte, das Masuren-Reise-Taschenbuch von Dumont nämlich, besagte, die Kirche sei im mediterranen Gelbton gehalten und hielt sogar ein Foto parat. Tatsächlich entspricht Orange oder Terrakotta schon eher dem, was der Besucher vorfindet. :-)

 
 

Kleiner Tipp für Swieta Lipka: Man informiere sich vorher, wann Orgelkonzerte in der Kirche stattfinden, denn dieses Instrument ist ein Meisterwerk. Alle Pfeifen sind mit Figuren bestückt, die auf Tastendruck in Bewegung geraten – es gibt sich drehende Sonnen, Posaune spielende Engel, Tiere und vieles mehr. Ein Fest für die Augen von großen und kleinen Besuchern!

Nach der Entdeckungstour gönnte ich mir noch ein Eis im Örtchen und schwang mich dann wieder auf den Sattel, um pünktlich zum Abendessen zurück im Hotel zu sein. Unglücklicherweise mangelt es an diversen Stellen an Beschilderung, sodass ich zu den 60 Kilometern noch gut 10 hinzuzählen muss, die mich erst in ein Sumpfgebiet – auf Froschrouten und durch Mückenschwärme – und dann über eine zwei Kilometer lange abschüssige Kopfsteinpflasterstraße führten. -- Ich liebe Halbpension, habe ich das schon erwähnt?

c) Sorkwity à Mikolajki/Nikolaiken à Sorkwity

Die nächste Tour führte mich auf rund 90 Kilometern ins östlich von Sorkwity gelegene Mikolajki. Auf dem Hinweg ging es dabei durch einen Teil des Masurischen Landschaftsparks mit wunderbar tannigen Abschnitten und entlang des Krutynia. Dieser Fluss ist allen Masurenfans und Wassersportfreunden ein Begriff, denn eine Fahrt auf der Krutynia gilt als DAS Naturerlebnis schlechthin. Nicht umsonst, nach allem, was meine Augen auf diesem Streckenabschnitt geboten bekamen. 

Mikolajki selbst liegt an direkt am Wasser und wird selbst Ende August noch von allerlei Urlaubern frequentiert. Es gibt die typischen Restaurants, Gofres (Waffeln) an der Uferpromenade, Sport- und Souvenirläden sowie die Möglichkeit, mit einem der vielen Boote eine kleine Segeltörn zu unternehmen und dabei den zahlreichen Schwänen, Enten und Reihern persönlich Hallo zu sagen.
Es existiert eine Busverbindung zwischen Sorkwity und Mikolajki, der Fahrradfahrer sollte sich allerdings vor der Tour genau erkundigen, ob die Busse groß genug sind, um ein oder mehrere Räder zu transportieren. Ich verließ mich blind auf die Masurenteam-Ansage und hatte bedauerlicherweise das Vergnügen, auch den Rückweg zu radeln. Die Rettung war eine Alternativroute, statt wiederum auf Schotter und Sand durch den Landschaftspark zu fahren, nahm ich die weitestgehend abschüssige Landstraße. So konnte ich einiges an Zeit und Kraft einsparen UND hatte die Gelegenheit, diese wunderbare Szenerie einzufangen:
Gänsealarm!
d) Sorkwity à Mragowo/Sensburg à Sorkwity

Last but not least stand für den letzten vollen Tag in Masuren noch ein Besuch in Mragowo, der Partnerstadt Grünbergs, nordöstlich von Sorkwity an. Die Strecke ist hin und zurück in 40 Kilometern Landstraße entlang kleiner Orte und den bereits bekannten Hügeln sowie jeder Menge Fell- und Federvieh zu bewältigen und stellt keinen Radfahrer vor riesige Herausforderungen. Die Gründung von Mragowo geht wieder einmal auf den Deutschen Orden zurück, auch wenn nie eine Burg errichtet wurde. Der Charme des Ortes liegt für mich in den Bürgerhäuser aus dem 20. Jahrhundert, die einen direkt zum Papst Johannes Paul II-Denkmal im Ortskern führen.

Endgültig überzeugt hat mich jedoch der lange, lange Steg des Jezioro Czos-Sees am östlichen Rand des Stadtkerns. Dort hieß es Fahrrad abstellen, Jacke und Schuhe ausziehen, Beine ins Wasser hängen und das Ferienbuch auslesen. Ach wie toll ist doch Masuren!


Abreise: Sorkwity -> Warschau -> Berlin -> Gießen

Nach dem faulen Tag an Mragowos See folgte eine Packaktion, die letzte Nacht im himmlischen Hotel im Park, eine sechsstündige Bus- und Zugreise über Olsztyn nach Warschau und die Großstadterkundung. Warschau nach dem idyllischen Masurenaufenthalt empfand ich als völlige Überforderung. Die Skyline der Hauptstadt ist allerdings tatsächlich beachtlich. Es folgt ein Fotosammelsurium von Warschau im Tagesverlauf.

 

Warschaus Skyline. Nicht zu verachten, oder?


pricewaterhousecoopers lässt grüßen!

Tja und das waren sie auch schon, meine 10 Tage Polen. Wer sich wundert, warum ich so wenig über die polnische Bevölkerung schreibe, dem sei gesagt, dass die Kommunikation sich außerhalb der großen Städte einigermaßen abenteuerlich gestaltete. Die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen war aber überwältigend. Egal wem ich unterwegs meine Karte vor die Nase hielt, er/sie tat sein/ihr Bestes, um mich wieder auf den rechten Weg zu bringen. Was dann und wann gar nicht so einfach war. (Wie auch, wenn frau die Vokabeln für rechts und links trotz Eselsbrücke verwechselte?)

Ob es 2014 wohl endlich nach Istanbul geht? Sicher ist, dass dies lediglich die erste Etappe auf der Reise durch den Osten Europas war. Und was für eine!

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